Brief aus New Glarus, Wisconsin

 

 

Über weite Felder und Äcker, über den Missouri und anschließend über den Mississippi, erreiche ich, die Kalksteinformationen nunmehr hinter mir, eine Endmoränenlandschaft, in der New Glarus liegt: Hügel, Laubbäume, keine Nadelhölzer mehr, keine Berge. Der Wind weht böig.

Ich hatte, verwegen genug, Tom Swyer und Huckelberry Finn erwartet; die Leute stellen sich mir als Köbi, Esther oder Fridolin vor, sie heißen Duerst, Hoesly, Gmur oder Stauffacher.

Die New Glarner wurden gerade wieder im Tornado-Sichten unterwiesen: Wenn sich die Wolken schnell zu drehen beginnen, Abfall und Äste vom Boden gehoben werden, bleibt nicht mehr viel Zeit, um den Notruf abzusetzen.

Als Kind hörte ich von einem Tornado, der ein Haus von einem Ort an einen meilenweit entfernten anderen versetzte; das Haus blieb unbeschädigt. Später las ich den „Zauberer von Oz“, und wie die arme Dorothy mit ihrem kleinen Hund Toto zitternd in einem solchen Haus saß.

Als 1845 Niklaus Dürst und Fridolin Streiff in offiziellem Auftrag für die über hundert mit- und hierher gereisten Glarner ein Stück Land erstanden, begann der Aufbau eines neuen Glarus. Häuser, Ställe und Werkstätten wurden auf die Art errichtet, die man von zu Hause kannte endlich Land, auf dem Kartoffeln und Weizen geerntet werden konnten.

Von diesem Glarner Tornado, entstanden aus dem Mangel und ausgewirbelt am Little Sugar River – der nicht mit unserer Linth zu vergleichen ist –, werden nunmehr die Gedanken dessen erfaßt, der Glarus kennt. Denn das lokale Bier der New Glarus Brewery schmeckt vorzüglich, ebenso die Kalberwust, die Zwiebelsuppe, die Rösti, zubereitet von Hans Lenzlinger, Besitzer des Chalets „Landhaus“ und des „New Glarus Hotels“; er stammt aus Unterwasser im Toggenburg. Im Mittleren Westen der USA so zu speisen, hätte ich nicht erwarten können; gerade bei Kartoffeln, sage ich einem Einheimischen, Zwicky, zeige sich, wer zu kochen verstehe, und denke nur kurz an die erstklassigen Restaurants in Boston, Chicago, St. Louis, in denen die Kartoffeln ungenießbar waren. Auch hier werden Emmentaler, Vacheron und Greyerzer erzeugt. Das Brot, weiß und warm, erinnert mich an meine Schulzeit.

Ich kaue und denke. Man reist über die halbe Welt, um festzustellen, daß man am gleichen Ort angekommen ist. Das hatte ich noch nicht erlebt. Das Gegenteil dessen dafür täglich: ich lese ein Buch und reise gedanklich durch die Welt, sitze vor dem Computer und navigiere mich durchs Internet. Meist reise ich, ohne mich fortzubewegen, doch nun habe ich mich sehr weit fortbewegt, um an Ort und Stelle zu bleiben, in Glarus.

Ein Fußballspiel dort vorn, ich erkenne Mädchen, die einen spielen ganz in Blau, die anderen, die Glarnerinnen, ganz in Rot. Mundart sprechen sie nicht, das gilt auch für ihre Eltern. Dennoch komme ich hier mit Deutsch durch.

Die Schweizerfahne sei nicht wie hier rechteckig, sondern quadratisch, will ich sagen, lasse es aber. Der Hl. Fridolin, hier, da und dort.

Mit dem Hund, der mir in der Duerst-Straße entgegenkommt, rede ich, wie ich überall auf der Welt zu Hunden rede, Mundart; er scheint zu verstehen.

Die Hauptkreuzung des Ortes liegt auf einer Anhöhe. Sie erinnert mich an den mittleren Teil der Burgstraße in Glarus. Auf dem nördlichen Ortsschild steht „Population 2011“, auf dem südlichen „Population 1899“. Der stellvertretende Generalkonsul Felix Naef, aus Chicago angereist, bemerkt, daß wohl über hundert Menschen geboren werden, während man hier ist – oder sterben, sagt Peter Etter, der ehemalige Schulvorsteher. Ich lese aus „Die Forstarbeiter, die Lichtung“. Zur Lesung sind auch Schülerinnen und Schüler erschienen.

Im Wald, in den New Glarus Woods, rieche ich Feuer. Das Unkraut wird man am besten los, indem man ringsum die trockenen Wiesen versengt; schwarze, weite Flächen, an den Rändern Glut und knietiefe Flammen, bewacht von älteren Männern.

Wieder die vertrauten Namen, in großer Zahl, auf dem Friedhof.

Eins, zwei, drei Kirchen.

Seit den Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen seien nur wenige Glarner hergekommen, sagt man mir. Man bedauere das. New Glarus lebt vom Fremdenverkehr.

Daniel Cramer führt mich durch seine Brauerei. Eines seiner Biere, das Edelspez, erinnert mich an Cardinal-Bier, ein anderes, säuerliches, an die Berliner Weiße.

Seit einiger Zeit wird in New Glarus ein ambitioniertes Projekt mit Namen Swiss Center of North America (SCNA) verfolgt. Der frühere Gouverneur und jetzige US-Gesundheitsminister Tommy Thomson setzt sich für das schweizerische Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftzentrum ein, zwei Millionen US-Dollar konnten bereits beschafft werden, der Kanton Glarus sprach im vergangenen Jahr einen Beitrag von 100'000 US-Dollar. Thomson reiste mit Hans Lenzlinger und anderen mehrmals durch die Schweiz, sprach mit Finanz, Industrie und Politik. Eine Viertelmillion steuerte die US-Regierung bei. Das Zentrum, budgetiert mit vier Millionen US-Dollar, wird sich nicht auf den Brückenschlag zwischen Glarus und New Glarus beschränken, vielmehr dereinst eine schweizerische Einrichtung für ganz Nordamerika sein. Ein Gelingen dieses Projekts, das wenig mit Folklore zu tun hat, wäre nicht zuletzt auch für die Glarner vorteilhaft.

Ich blicke mich, nach zwei Tagen in New Glarus, umgeben von der Prärie, nochmals um. Ein weiteres Mal herkommen? Äußerst wahrscheinlich.

 

 

Erschienen unter dem von der Redaktion gewählten Titel "Wiederkommen wahrscheinlich" in der "Südostschweiz", Ausgabe Glarus, am 19. April 2002. 

 

 

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